Die Wüste

Der Begriff „Wüste“ ist für das Verständnis des Alten Testamentes von großer Bedeutung, da sie nicht nur ein Ort der Ausgrenzung des Lebens ist, sondern auch ein Ort der Bewährung und Läuterung. Der Mangel an etwas oder jemandem zeigt, wie sehr wir Menschen dem Bedürfnis nach Leben anhängen und nach diesem Bedürfnis greifen. So wird die Wüste als Ort des Todes zum Ort der Läuterung.


Das hebräische Nomen für Wüste ist מִדְבָּר [midbār]. Es beschreibt die trockenen und halbtrockenen Gebiete, die wegen der Wassernot für menschliche Ansiedelung ungeeignet sind. Zu den Wüstengebieten werden auch die Steppengebiete gezählt, da auch dort der für das Leben der Menschen notwendige Ackerbau nicht möglich war, wenngleich die Weideflächen für die Herden der Halbnomaden genutzt wurden.. Jeremia beschreibt im neunten Kapitel seines Buches die Erfahrung, dass über die Berge hin ein Weinen und Klagen zu hören ist und über die Weideplätze der Steppe ein Totenlied, da sie verwüstet sind und niemand mehr hindurchzieht, man „hört die Stimme der Herden nicht mehr. Von den Vögeln des Himmels bis zum Vieh ist alles geflohen, auf und davon“.


Daraus ergibt sich für die Einstellung der Menschen zur Wüste der Gedanke einer Gegenwelt zu den Menschen. Im Alten Testament gehören die Wüste und auch das Meer zu den lebensfeindlichen und chaotischen Bereichen der Welt, die man zu meiden hatte. Sowohl die extremen Temperaturen als auch der Mangel an Wasser und die starken Winde trugen dazu bei, diesen Lebensraum zu meiden. Zudem machten Menschen die Erfahrung, dass es kaum Leben in der Wüste gab. Die Eigenschaften einer trostlosen Ewigkeit, die große Einsamkeit und Verlassenheit, der Durst und die Ohnmacht, die Zerstörung des Lebens und der Tod sind zugleich Eigenschaften der Wüste. Wird ein Mensch in die Wüste getrieben oder verirrt er sich in der Wüste, wird er dort nicht nur an das Totenreich erinnert, sondern mit dem Tod konfrontiert. Jeremia berichtet im fünfzigsten Kapitel seines Buches, dass die Städte zu Wüsten werden und auch das Kulturland zur Wüste wird.
Zur Gegenwelt der Menschen zählten auch die wilden Tiere und schreckenerregende, tiergestaltige Dämonen. Die Wüste sah man als einen Ort der Antiordnung und des Todes an. Neben diesen Tieren hielten sich dort auch Menschen auf, die sich dem Zusammenleben der Menschen entziehen mussten. Die Wüste war ein Zufluchtsort von Flüchtlingen und Verfolgten. Sie wurde auch allmählich zu einem Ort für Menschen, die sich mit den Verfehlungen und den Schandtaten der Menschen an menschenfreundlichen Orten nicht mehr aufhalten konnten. Sie mussten fliehen vor den Schandtaten der Menschen und zogen in die Wüste, da die Einsamkeit in der Wüste und auch das Ringen mit dem Tod für ihr Leben allemal besser war.
Zugleich war die Wüste auch der Ort, wohin man den Sündenbock trieb, um sich der Sünden des Volkes zu entledigen. Sie war Aufenthaltsort für Ausgestoßene, Rebellen und Räuber.


Wüste als Ort der Hoffnung

Häufig werden mit der Wüste auch die Hoffnungsperspektiven angesprochen und aufgezeigt. Doch sind diese Hoffnungsperspektiven immer mit dem Gottesgedanken verbunden: Wüste als der Ort der Gottesbegegnung. Nach dem Glauben Israels, nach prophetischer Überlieferung ist der Mensch für eine Begegnung mit Gott nur dann offen, wenn er die Wüste als Ort für diese Begegnung aufsucht und sich zurückzieht in die Einsamkeit und Stille, im Alleinsein in Einklang mit der Natur. Erst und vielleicht sogar in nur einzigartiger Weise ist auch für den heutigen Menschen die Gottesbegegnung nur dann möglich, wenn der einzelne Mensch oder auch ein ganzes Volk sich der Wüste stellt. Die Wüste als Ort der Läuterung und der Hinwendung zu Gott macht es uns Menschen wieder möglich, zu Gott zu finden. Den Weg in die Freiheit finden wir über die Wüste dieser Erde und sie zwingt sich uns niemals auf, sondern lädt uns ein, sich auf das Wagnis des authentischen Lebens einzulassen.


Ebenso wie [midbār] im Hebräischen bezeichnet das griech. Nomen ἔρημος [erēmos] als Zustandsbeschreibung „die wasserlose und unbewohnte Gegend, die Wüste oder die karge, nur als Weideplatz brauchbare Steppe.“ Natürlich ist auch die Wüste für das Verständnis des Neuen Testamentes ein Ort der Dämonen, die den Menschen in große Gefahr bringen und den Tod mit sich bringen. Johannes der Täufer tritt in der Wüste auf, um den Weg des Herrn zu bereiten, und knüpft hier an die Tradition des Alten Testamentes an. Johannes der Täufer wird als der Rufer in der Wüste identifiziert und als der, der Jesus den Weg bereitet. Er ruft auf zu Umkehr und Versöhnung. Hier wird die Wüste zu einem Ort der Gottesbegegnung und die geographische Bedeutung tritt in den Hintergrund. Selbst für Jesus wird die Wüste zum Rückzugsort vor den Menschenmassen , die ihn zu treffen suchten, da von ihm eine Kraft ausging, die den Menschen unbeschreiblich gut tat und seine Worte eine Wirkung hatten, die Hoffnung schenkte und Zuversicht ausstrahlte. Doch andererseits suchte Jesus die Wüste auf, um sich zum Gebet zurückzuziehen. Er sucht die intensive Begegnung mit Gott, die jedoch der Versucher (der Teufel) stören will. Auffallend ist auch das Zusammensein Jesu mit den wilden Tieren in der Wüste . Jesus stellt den ursprünglichen Schöpfungsfrieden wieder her und erneuert so die paradiesische Gemeinschaft.


Anders als Tiere und Pflanzen, die ihren Organismus an die Bedingungen der Wüste angepasst haben, besitzt der Mensch weder Wurzeln, die das kostbare Wasser aus der Tiefe saugen können, noch kann er Wasser im Übermaß aufnehmen und im Körper speichern oder seine Körpertemperatur anpassen. Tiere und Pflanzen, die in der Wüste leben, sind anatomisch optimal an die dort herrschende Trockenheit und an die extremen Temperaturen angepasst. Der Mensch hingegen hat nicht seinen Körper an diese Bedingungen angepasst, sondern hat sich ein Überleben in der Wüste durch den Einsatz verschiedener Hilfsmittel ermöglicht. Diese können ihm heute ein Leben in der Wüste ermöglichen, jedoch nicht in den extremen Wüsten dieser Erde.

Wüste als nicht geographischer Ort – Wüste als Ort ernsthafter Versuchung

Abgesehen von den wirklichen Wüsten der Erde gibt es auch die Wüsten der Seele. Dies ist ein alter Ausdruck der Wüstenväter, welche sich vor vielen Jahrhunderten – ja beinahe zweitausend Jahren – in Ägypten – zurückgezogen haben. Weder Besitz noch andere Anhänglichkeit an das Leben sollte sie dabei stören, ihre Seele ganz auf Gott hin auszurichten. Jedoch finden wir in der Literatur der Wüstenväter und Eremiten den Begriff der „Akedia“, welcher die Auswirkungen der Gedankenwelt bei uns Menschen durch Vorstellungen und spontane Einfälle zu beschreiben versucht.


Die Akedia wirkt der Wüste der Gleichgültigkeit entgegen

Die Akedia ist zu beschreiben als ein depressiver Überschuss im Erleben des eigenen Ich, welches nicht mehr in der Lage ist, sich zu halten, sondern im Überfluss der Ausschüttung von Emotionalität den Menschen hindert, gemeinschaftlich zu leben. Es ist ein Ausfluss an Hinderung, der eigenen Personalität nahezukommen, und stößt den Betroffenen in eine Diskontinuität seiner persönlichen Entwicklung. Die Wüstenmönche wurden nicht verschont von dieser depressiven Verstimmung. Einer der bekanntesten Eremiten, Antonius der Große, der um 250 bis 350 nach Christus lebte, befand sich in einer solchen verdrießlichen Stimmung und lebte in diesen finsteren Gedanken in der Wüste. Evagrius Ponticus entwickelte eine praktische Lehre von der Akedia und diese wurde vermehrt abgelöst von dem griechischen Gedanken der Melancholie. Melancholie ist ein Gemütszustand, der von außerordentlicher Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit geprägt ist. Dieser Ausdruck wird dann verwendet, wenn es für diese tiefe schmerzliche Verstimmung keinen konkreten Anlass gibt. Doch kann die Melancholie auch eine positive Eigenschaft sein und sich wesentlich erfüllend auf das Leben auswirken. Diese Stimmung der Seele bringt Tiefgang und erzeugt damit auch eine Kreativität und Leidenschaft, die dem Menschen zu einer Weiterentwicklung im Leben verhelfen kann. Die Melancholie sollte man nicht immer sofort bekämpfen oder als eine Krankheit ansehen, sondern ihr weitgehend eine Möglichkeit geben, sein zu dürfen. Ließe man sie in einem gesunden Maß im Leben eines Menschen oder auch sogar einer Gesellschaft sein, dann gäbe es kaum Gewaltausbrüche, ein Mehr an Ausgewogenheit mit dem natürlichen Rhythmus unserer Erde und ein Mehr an Liebe. Diese „wunderbare“ Eigenschaft ist gekennzeichnet durch Ernsthaftigkeit, Tiefgang und Empfindsamkeit. Diese Tatsache beobachte ich vermehrt und mit bereits über 21-jähriger Erfahrung in der Seelsorge als geistlicher Begleiter. Menschen mit melancholischer Stimmung leben in einer Spannung von Potentialität, die nicht nur negative Auswirkungen haben muss, sondern die zu einer Lebensqualität führen kann, die eine positive Auswirkung auf den Lebensvollzug des Einzelnen und einer ganzen Gesellschaft hat. In ihr sind positive Potentialitäten, die mit großer Achtung und Empathie angesehen werden dürfen. Die Fragen und Zugänge, die Auswirkungen und Umsetzungen melancholischer Charaktere sind von existentieller Bedeutung. Diese Menschen finden wir sicher nicht in unserer Spaßgesellschaft oder in der Oberflächlichkeit und schon gar nicht in unserer dekadenten Konsumgesellschaft. Melancholische Menschen sind kontraproduktiv zum herrschenden Zeitgeist, sie suchen wesentlich nach einem anderen Zeitgeist und einer anderen Lebenseinstellung. Die schmerzliche Verstimmung, der Verlust an Liebesfähigkeit und an Teilnahme an der Außenwelt sowie das Ausbleiben von Leistungen und Anstrengungen können natürlich zudem ein Indiz dafür sein, dass die Abwertung des eigenen Ich – Selbstgefühls zu Vorwürfen und Selbstbeschimpfungen führt, die einen selbstzerstörerischen Aspekt aufweisen. In diesem Ausmaß ist es angebracht und höchst notwendig, Therapeuten und Psychologen aufzusuchen. Auch das zusätzliche Angebot der Seelsorger scheint hier zielführend für eine Behandlung zu sein.
Die Wüstenmönche wurden immer mehr zu Therapeuten vieler leidender Menschen , hatten sich diese Aufgabe jedoch nicht gesucht. Die Leidenschaften überraschen uns und sind oft überfallsartig. Sie erfassen unsere Gedankenwelt und können zudem unsere Personalität gefährden und uns in eine Krankheit der Seele führen, die jeden Lebensnerv lähmt. Daher halte ich fest, dass es oft notwendig ist, auf die eigene innere Stimme und Intuition zu hören. Ein kurzzeitiger Rückzug gibt eine klare Sicht auf viele persönliche Lebensereignisse und verhilft zu einer bewussten Wahrnehmung der eigenen Empfindungen und die anderer Menschen. Der Melancholiker kann selbst von einem vorübergehenden Trübsinn einen neuen Lebenssinn bekommen. Unglück, Kummer, Traurigkeit und Trübsinn, Schwermut und Verlorenheit erzeugen Raum für Neues, und diese Menschen lernen, die kleinen und großen Probleme des eigenen Lebens zu verstehen und zu verändern. Sie schaffen zudem eine Neuinterpretation der eigenen Beziehung zum Partner oder zu anderen Mitmenschen. Diese melancholischen Phasen tragen dazu bei, dass wir einen Gang zurückschalten und zu einem stillen Genießer werden. Dieser Gemütszustand trägt auch dazu bei, Gedanken und Gefühle auszudrücken, damit man zu Ausgleich und Entspannung gelangt, die die Phasen der Kreativität, des Friedens und der Harmonie in sich tragen.

Die Wüste als Ort der Versuchung, wo Eifer und Wagemut vertrocknen

Sollten wir keine Angst vor uns selbst haben, dann dürfen wir vermehrt den kritischen Blick auf unsere Gesellschaft wagen, da es angebracht ist, uns den ernsthaften Versuchungen der Gefühle der Niederlagen zu stellen. In diesen unzähligen Wüsten der korrumpierenden Niederlagen und der beschämenden Verletzbarkeit verwandelt sich unser Gesicht zu einem Pessimisten, der den zu führenden Kampf nicht mehr aufnimmt, da er nicht im Voraus voll auf den Sieg vertraut. In allem benötigen wir Menschen Zuversicht und einen Starkmut, welcher unsere Talente hebt und uns bestärkt, in unseren Begabungen entgegen der schmerzlichen Schwächen voranzugehen, und der unserer Seele und unserem Verstand zu erkennen gibt, dass das Vertrauen auf Gott sich als Kraft gegen die Schwachheit erweist. Papst Franziskus beschreibt den christlichen Sieg immer als ein Siegesbanner, das mit einer kämpferischen Sanftmut gegen die Angriffe des Bösen vorangetragen wird. Der böse Geist der Niederlage ist ein Bruder der Versuchung, den Weizen vorzeitig vom Unkraut zu trennen, und er ist das Produkt eines ängstlichen und egoistischen Misstrauens. Gerade Gemeinschaften, die schon viele Jahre – Jahrtausende, wie die Kirche - bestehen, sind besonders anfällig für diese voranschreitende Wüstenbildung in der Vitalität und Expressionalität der Völkergemeinschaften. In einigen Orten der Kirche hat sich diese Wüstenbildung ereignet. Sie ist das Ergebnis des Plans einer Gesellschaft, die sich ohne Gott aufbauen will oder die ihre christlichen Wurzeln zerstören will. Walsers Streitschrift Über Rechtfertigung, eine Versuchung zeigt, dass eine zeitgeistige Spiritualität und jener neuerdings um sich greifende Atheismus im Grunde aus einem Holze geschnitzt sind. „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.“ Und weiter führt er aus: „In der Welt der Atheisten hat die Leere keinen Platz. Leere gibt es nur dort, wo Gott fehlt. Und wo er dann durch keinen -ismus ersetzt wird. Eine Welt ohne Leere ist eine zu arme Welt.“ Der Literat selbst bekennt: „Gott fehlt. Mir.“ Gemessen an diesem Fehlen Gottes ist alles Gerede von neuer Spiritualität ein Oberflächenphänomen. Es fehlt der Mut, von Gott zu reden, dass er mir – uns – fehlt! Diese Leere aufzuhalten als eine Wüste, die durch das Einfordern des Zeitgeistes nicht verdrängt werden kann, soll uns zu einem gemeinsamen Gespräch führen, das uns erahnen lässt, dass uns niemand die Ahnung nehmen kann, was es bedeutet, dass Gott fehlt. Wenngleich der gewaltsame Widerstand gegen das Christentum die Christen zunehmend ihren Glauben nur mehr verborgen leben lässt, was selbstverständlich eine Form der Wüste in unserem Land ist, lieben wir das Land.. Dieses Austrocknen der Gottesrede in unserer Heimat ist eine schmerzliche Wirklichkeit der Wüstenbildung in Europa. Selbst in den Familien kann nicht mehr über Gott gesprochen werden, da kein Bezug zu Gott mehr gegeben ist durch die Sprachlosigkeit oder auch eine Sprechhemmung zu dem Begriff Gott hin. Andere wiederum behaupten, dass es keinen Bezug zur Vernunft geben kann, Gott in die menschlichen Überlegungen mit hineinzunehmen. Sowohl auf dem Arbeitsplatz, in der Politik und der Wirtschaft als auch in der Psychologie und Wissenschaft ist der Gottesgedanke ausgetrocknet und liegt im leeren Flussbett der Wüste. Die Quelle ist ausgetrocknet und der Brunnen leer, der unseren Durst nach Erkenntnis und Weisheit stillt, da wir nicht mehr mit Hilfe unserer Erkenntnis nach Gott fragen. Wiederum ist es Papst Franziskus, der in bemerkenswerter Sprachfähigkeit betont, dass gerade von der Erfahrung der Wüste her, von dieser Leere her wir die Freude erneut entdecken können, die im Glauben liegt. In der Wüste entdeckt man wieder den Wert dessen, was zum Leben wesentlich gehört; so gibt es in der heutigen Welt unzählige, oft implizit oder negativ zum Ausdruck gebrachte Zeichen des Durstes nach Gott, nach dem letzten Sinn des Lebens. Und in der Wüste braucht man vor allem glaubende Menschen, die mit ihrem eigenen Leben den Weg zum Land der Verheißung weisen und so die Hoffnung wachhalten. Der Christ selbst soll eine große Amphore sein, um den anderen daraus trinken zu lassen. Papst Franziskus hält fest, dass dies oft zudem mit der Haltung eines Erduldens und Leidens zusammenhängen kann, wo einem das Herz ‚durchbohrt‘ wird, um aus dieser Quelle lebendigen Wassers zu trinken. Auch durch solche Erfahrungen dürfen wir uns die Hoffnung nicht nehmen lassen, dass unsere Heimat wieder ihren Durst nach dem Wort Gottes löschen wird. Zudem bin ich überzeugt, dass sich neue Oasen auftun werden in der Gemeinschaft der Kirche, die wir heute noch nicht zulassen wollen. Aus den Quellen des Wortes Gottes werden Menschen schöpfen, die mit Kirche nichts zu tun haben, jedoch ihre Amphoren weiterreichen zu einem Trunk aus den lebensspendenden Wassern. Notwendig und unumgänglich ist der Weg aus der Wüste in ein Land der lebenssprudelnden Wasser, die unseren Durst nach Leben stillen im Wissen um all die Not und Begrenztheit unseres Lebens. Ein erneutes Gewinnen von Eifer und Wagemut durch das Wasser des Lebens in den Wüsten der Gesellschaft, die Gott bereithält, sind Auftrag und Sendung der Kirche in die Welt von heute.

Die Wüste der Verschlossenheit

Oftmals erleben wir in unserer Gesellschaft die Verschlossenheit und starke Individuation, die es dem Einzelnen nicht mehr ermöglicht, in der Gemeinschaft der Menschen zu leben. Dies führt zum Auszug aus der Gemeinschaft und zu einer Isolation, die den Menschen zusehends verzweifeln lässt. Dieser Lebenswirklichkeit dürfen wir keinesfalls apathisch gegenüberstehen oder schweigend nachschauen. Wir müssen uns dieser Wüstenbildung stellen und wiederum, durch Intellektualität und Emotionalität getränkt, zu den Quellen des Lebens führen. Viele Menschen verzweifeln am Irdischen und an der Unmittelbarkeit des Lebens ob ihrer Vernunft und ihres Sinns. Mehr und mehr trocknen diese Menschen aus und die Gesellschaft vermag es nicht, ihnen das Wasser des Lebens zu reichen, da sie selbst bereits infiziert ist. Eng verbunden mit dieser Verzweiflung ist der Gedanke an das Ewige und dessen Sinn. Dieser geht verloren, da der Unmittelbarkeit sehr viel Bedeutung zukommt. Keineswegs ist der Mensch erfolglos gegenüber der Wirklichkeit seiner Schwachheit und dem Ausgeliefert-Sein seines Lebens an alles Irdische. Es entsteht zudem bei uns Menschen immer wieder auch die „Angst als ein existentielles Gefühl, was [uns] nun zum verzweifelten Ausdruck dafür wird, dass [wir] das Ewige und [uns] selbst verloren haben. Wenn wir nun tatsächlich am Ewigen verzweifeln können, setzt dies jedoch seinen Gehalt für uns Menschen voraus als eine mögliche Wirklichkeit. Der Mensch kann an sich selbst verzweifeln und auch an seiner Möglichkeit des Verlustes, doch dies kann eine Option des Heiles sein. Kierkegaard appelliert zusehends in seinen Schriften an einen Rückzug aus dem Alltäglichen und postuliert die Einsamkeit, da diese den kritischen Blick auf die allgemein gültigen Wahrheiten wirft.
Die Wüste der Verschlossenheit kann wiederum zu einer neuen Quelle der Erkenntnis werden, unser Leben nicht in einen Nihilismus einmünden zu lassen, der wie die gewaltige Kraft eines großen Flussbettes alles mitreißt, sondern wo ich am Ufer des Flusses sitze und nicht untergehe.

Die Wüste des Verlustes der Dankbarkeit

Der bekannte französische Philosoph und führende Vertreter des christlichen Existentialismus Søren Kierkegaard setzt die Dankbarkeit in die Position der Wachsamkeit der Seele gegen die Kraft der Zerstörung. Darin verweist er auf die Bedeutung für die achtsame Haltung einer Begegnung aus der Humanität für die Gewinnung einer menschlichen und gemeinschaftlichen Lebensweise, die uns zu schöpferischen und kreativen Menschen werden lässt und das Gemeinwohl füreinander ermöglicht.
Es gibt genügend Ereignisse, Empfindungen und Dinge, für die wir unendlich dankbar sein können. Diese achtsam wahrzunehmen und eine Dankbarkeit für sie zu gewinnen, schließt uns in einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit zusammen und vergrößert unsere Freude am Leben augenblicklich. Dankbar zu leben, beendet unsere Selbstzufriedenheit und befreit uns von der Selbstverständlichkeit, die uns zwingend zum Verlust der Wertschätzung führt. Am Leben sein zu dürfen in dieser Welt, heute und in diesem Moment, ist das größte Geschenk von allem, was wir je haben können. Erinnern wir uns täglich daran, denn zugleich hilft uns dies selbst in Krisenzeiten noch, Positives wahrzunehmen. Die Dankbarkeit ist per se nicht gleich Wertschätzung, jedoch bereichert sie die soziale und gesellschaftliche Ebene und wird dabei natürlich zu einer Bereicherung.
Das Empfinden, die Aktion und das Denken sind die wesentlichen Voraussetzungen, um Dankbarkeit schenken zu können. Aus der Emotion heraus empfinden wir die Freude und die Zuneigung, die Erleichterung und die Wertschätzung, und dadurch werden das Verantwortungsgefühl und unsere Beziehungen gestärkt, die ein Vertrauen unter uns wachsen lassen. Aus dieser Emotion heraus beginnen wir zu handeln und zeigen in unseren Fähigkeiten der Gemeinschaft eine Einzigartigkeit des Momentes für wahrhafte und echte Dankbarkeit, da wir nichts achtlos hinnehmen. Es erwächst eine Sensibilität für alle Ereignisse – ob für das Angenehme oder auch für das Unangenehme. Wir nehmen uns füreinander einen Augenblick Zeit. Aus dieser Dankbarkeit heraus nehmen wir die Hilfen sehr gerne an, die wir durch andere Menschen, Ereignisse und Dinge angeboten bekommen. Diese Hilfe wird zudem nicht mit Schwäche in Verbindung gebracht, sondern geschätzt. Erst aus dieser Haltung heraus macht es uns eine große Freude, anderen zu helfen. Menschen, die uns helfen, finden wir naturgemäß freundlich und sympathisch. Selbst freuen wir uns, anderen geholfen zu haben, dies bringt uns das Gefühl einer tiefen Zufriedenheit und des Glücks. Der Mensch, der gibt, sollte darauf bedacht sein, dass dem Anderen wirklich geholfen wird und der, welcher etwas empfängt, sollte die Leistung des anderen erkennen. Und anerkennen. Die Dankbarkeit ist positives Denken und steuert der Negativität entgegen. Durch das Nachdenken verliert die pessimistische Grundhaltung ihre Macht und setzt zugleich das Positive um in eine Handlung, die sich von ihrer Substanz her schnell entwickelt und entgegen aller Befürchtungen einen Perspektivenwechsel zeigt. Im gemeinsamen Denken werden wir feststellen, dass wir nicht alles alleine machen müssen, sondern uns darauf einlassen dürfen, dass andere in ihrem Denken uns weiterhelfen. Durch den Input von anderen kommen wir zudem zu einer guten Lösungsorientierung in Problemen, und ungeahnte Ressourcen werden in uns freigelegt, die unsere Kreativität steigern.
Eine weitere wichtige Erfahrung für uns Menschen ist, dass die Dankbarkeit nicht immer von Erfolgen leben muss. Die persönlichen Herausforderungen, die Rückschläge und das Scheitern können als Parameter dafür angesehen werden, was unbedingt geändert werden muss, um aus den vermeintlichen Rückschlägen eine Veränderung zu erzielen, die etwas verbessert und eine neue Herangehensweise bewirkt. Aus dieser unangenehmen Erfahrung werden wir freundlicher und dankbarer!
Durch Freundlichkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl entsteht ein Vertrauen, das uns alle wachsen und staunen lässt über ein Miteinander, in dem alle willkommen sind. Dankbarkeit und Undankbarkeit dürfen nicht aus dem Gleichgewicht kommen, da sich unsere Gesellschaft ansonsten korrumpiert. Nehmen wir die Herausforderung an, mehr dankbarer zu sein als gleichgültig oder gar undankbar dem Leben gegenüberzustehen!

Ernst Wageneder | Pfarre Mondsee