Meine Freiheit muss mit der Freiheit anderer zusammen leben können

Seit es Philosophen gibt, gibt es wohl auch den Streit, ob der Mensch in seinen Entscheidungen wirklich frei ist oder ein Getriebener von seinen Anlagen, seinen Genen, seinen Motiven und anderen Einflüssen, sei es von außen oder von innen. Ist der Mensch frei, zumindest innerhalb gewisser Grenzen, die es natürlich gibt, dann ist er auch verantwortlich für seine Entscheidungen. Das ist in aller Kürze die philosophische Seite des Themas Freiheit.

Ein anderer Aspekt ist durch die noch immer durchlebte Pandemie in den Vordergrund getreten. Darf der Staat meine Grundrechte, damit auch mein Recht auf Freiheit in den verschiedensten Belangen so stark einschränken, dass von meiner Freiheit fast nichts mehr übrig bleibt, außer innerhalb meiner vier Wände noch halbwegs ohne Verordnungen leben zu dürfen? Und nicht einmal das war immer gewährleistet, wie wir manchen Medienberichten entnehmen konnten.

Die goldene Regel der Bibel lautet: “Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!” Unser Sprichwort formuliert es negativ: “Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu.”

Das zeigt klar die Grenzen meiner Freiheit auf. Meine Freiheit muss mit der Freiheit meiner Mitmenschen zusammen leben können. Sie endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt. Es lässt sich trefflich streiten, wo genau im Grenzbereich meine Freiheit endet und die des anderen beginnt. Wo darf der Staat meine Freiheit beschneiden und wo nicht mehr? Das ist oft eine Wanderung auf einem sehr, sehr schmalen Grat. Wir sollten den Verantwortungsträgern nicht allzu böse sein, wenn sie einmal auf der einen Seite zu wenig tun, und ein andermal auf der anderen Seite zu viel.

Auf jeden Fall sollen wir auf unsere Eigenverantwortung nicht vergessen und nicht verzichten. Stets sollte auf diese Eigenverantwortung hingewiesen werden. Diese ist durch nichts ersetzbar. Mein Gewissen ist die letzte Entscheidungsinstanz. Das ist die Lehre der Kirche, auch wenn sie selber damit oft Schwierigkeiten hat und am liebsten sagen würde: „Ihr müsst (!) euer Gewissen nach meinen Vorstellungen ausrichten!“ Darum hat man sich auch so lange geziert, den Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter seligzusprechen. Überprüfen ja, aber kein Anpassen Müssen! Das ist der Kern meiner Freiheit, und die Grenzen meiner Freiheit sind die Bedürfnisse meiner Mitmenschen.

Überlegen wir also: Wo ist konkret meine Freiheit zu Ende und wo beginnt die meiner Mitmenschen?

Josef Löberbauer