„Christliches Miteinander”
unter den Bedingungen der Pandemie

Erfahrungen eines Priesters

Alles im Eimer! Pläne und Hoffnungen zerplatzten wie eine Seifenblase. Es gab wohl kaum einen Menschen, der sich Mitte März ein realistisches Bild von dem, was da kommen sollte, machen konnte. Fluchtartig musste auch ich meine Gastprofessur in Polen abbrechen. Mit dem letzten Flugzeug rausgeflogen, landete ich in einer „Hausquarantäne“. Allein in meiner Wohnung in Innsbruck, fragte ich mich, was die Pandemie für die kommende Osterzeit mit sich bringen würde. Das Bild des verschlossenen Abendmahlsaales, in dem die verstörten Jünger die Zeit nach der Kreuzigung Jesu verbrachten, begleitete mich Tag für Tag. Selbst als der Auferweckte durch die verschlossene Türe gekommen war, wagten sie sich nicht hinaus. Der Geist der Verzagtheit prägte ihren Alltag. Waren es 50 Tage? Oder nur eine Woche? Gar ein einziger Tag? Schon nach ein paar Tagen der Isolation begriff ich, dass diese Fragen im Grunde zweitrangig sind. Unter den Bedingungen der „physischen Distanziertheit“ wird die Zeit unwichtig. Weil ein Monat zu einem Tag gerinnen, eine Sekunde zur Ewigkeit mutieren kann.

Anfangs dachte ich emsig als Theologe darüber nach, wie ich nun mein „Priestersein“ und mein „Christsein“ in dieser Situation leben sollte. Allein Messen in der Wohnung zelebrieren? Ich stellte auf dem Tisch den Kelch und die Patene hin, brachte es aber nicht übers Herz, auch die Messe zu feiern. Obwohl ich als Dogmatiker weiß, dass eine solche Feier im Grunde keine „Privatmesse“ sei, weil die ganze Kirche bei jeder Eucharistie „anwesend“ ist. Das Bild des vietnamesischen Kardinals Van Tuan, der jahrelang in seiner Gefängniszelle unter Lebensgefahr mit einem Tropfen Wein auf seiner Handfläche die Messe feierte, begleitete mich als ständige Mahnung.

Die scheinbare Luxussituation eines Singles wurde nach und nach zur Last. Die Decke fiel mir auf den Kopf. Der Tunnelblick engte meine Perspektive ein. Ich begann darüber zu grübeln, wie ich mein fortschreitendes Alter (bald 70) bewältigen soll. Meine Lebensdisziplin ließ nämlich immer mehr zu wünschen übrig. Da musste ich öfter an eine 92-jährige Kirchenbesucherin in der Jesuitenkirche denken, die mir immer wieder erzählt, die täglich besuchte Frühmesse sei für sie der einzige Grund, aus dem Bett zu kriechen und nicht in Depression zu verfallen.

Natürlich telefonierte auch ich stundenlang mit Freunden und Bekannten, hörte mir ihren Frust an, beschwichtigte auch die Frage nach meinem Wohlergehen mit der nichtssagenden Formel, es gehe mir prächtig. Ich begriff, dass ich kein Eremit bin! Die universitäre und kirchliche Welt fehlten mit als Stütze des ganz normalen Alltags. Die Ermutigungen zur „Hauskirche“, die von Seiten kirchlicher Amtsträger kamen, hörte ich mit Skepsis an. Freilich freute ich mich darüber, wenn ich aus dem Umkreis von Freunden hörte, dass sie mit den Kindern beten und singen. Bin gar aus allen Wolken gefallen, als mir eine befreundete Familie am Weißen Sonntag ein Video von der simulierten Erstkommunionfeier ihrer jüngsten Tochter geschickt hat. Ihre Schwester, die schon seit Jahren Ministrantin ist, „zelebrierte“ im Wohnzimmer eine Art von Messe. Der mittlere Bruder spielte Geige, die Eltern saßen andächtig dabei und filmten die Szene, als die große Schwester der Kleinen mit den Worten „Der Leib Christi“ eine (aus der Sakristei gestibitzte) Hostie reichte. Alles endete mit einem opulenten Mittagessen. Ob sich die Bischöfe die Hauskirche so vorgestellt haben, weiß ich nicht.

Viele meiner ehemaligen Studenten erzählten am Telefon begeistert von den im Internet gestreamten Messen. Ich selber habe nur eine Karfreitagspredigt in der Krypta der Jesuitenkirche aufgenommen, die auf der Homepage der Kirche landete. All die Initiativen der gelebten Kirchlichkeit waren nicht schlecht, doch vermochten sie das Grundgefühl einer „kastrierten Kirchlichkeit“ nicht zu beseitigen. Mir fehlten die konkreten Menschen samt ihrer Leiblichkeit. Kein Wunder, dass ich in der Karwoche die geltenden Vorschriften uminterpretierte. Ich sprach mit einer pensionierten Pfarrhaushälterin und ihrer slowakischen Pflegerin über die anstehenden Kartage und Ostern. Wir kamen darüber überein, dass wir in ihrer Wohnung die Liturgie feiern würden. So trug ich jeden Tag dorthin Kelch und Patene und feierte mit den zwei älteren Damen – unter Einhaltung des nötigen Abstandes – die Liturgie. Selbst ein kleines Osterfeuer war dabei, und das gesungene Exsultet in der Osternacht auch. Als „Höhepunkt“ habe ich beim Ostergottesdienst anstatt der Predigt spontan in meiner liturgischen Kleidung zu den Klängen des Osteroratoriums von Bach in der Wohnung der Damen zu ihrem Entzücken zu tanzen begonnen.

Im Klartext: Diese ersten Corona-Wochen verdeutlichten mir noch einmal mit aller Schärfe die Erkenntnis, dass Katholizismus samt seiner sakramental fundierten Frömmigkeit eine leibbetonte, sinnlich ausgerichtete Religion ist. Dass die Grundvollzüge des menschlichen Lebens, die ich gerne auf die Formel bringe: „miteinander essen, miteinander trinken, miteinander schlafen“, auch Elementarvollzüge katholischer Frömmigkeit – und dies abseits jeglicher Frömmelei – sind. Nachdem mir aber über längere Zeit die leiblich erfahrbare Gemeinschaft wirklicher Menschen fehlte, nahm ich Zuflucht bei der „Gemeinschaft der Heiligen“. Und warum dies? Wohl nicht nur deswegen, weil ich in den letzten Wochen in meiner Wohnung (die demnächst ausgeweißelt wird) unzählige Kerzen vor den Ikonen Christi, Mariens und des hl. Josef abgebrannt habe. Das ständige Ausrichten meines Blickes auf die Heiligen sollte auch das momentan vielleicht gefährlichste Missverständnis der Religion ein Stück weit korrigieren. Was meine ich damit?

„Wir essen Brot, aber wir leben von Glanz.“ Auf diese Kurzformel brachte die Dichterin Hilde Domin den existentiellen Wert der Heiligenverehrung. Wir essen ja das „tägliche Brot“, aber auch das „Brot des Lebens“, empfangen den Leib Christi und sind vom Heiligen Geist erfüllt. Und doch leben wir, indem wir, gerade als Christen, Zeugnis ablegen – und uns (wie halt alle Zeitgenossen) von Stars und Celebrities faszinieren lassen. Als Christen sind wir ja keine einsamen Inseln. Bilden aber auch weder einen Interessensverband, noch eine Partei, und schon gar nicht einen „Verein zur Förderung der im Guten verhärteten Menschen“. Vielmehr bleiben wir in der „Gemeinschaft der Heiligen“ integriert.

So hat jedenfalls schon die Urkirche ihr eigenes Selbstverständnis definiert. Dieses Selbstverständnis knüpft an viele moderne Erwartungen an, durchkreuzt sie aber. Als „Gemeinschaft der Heiligen“ überschreitet die Kirche nämlich mutig die Grenze des Todes. Sie vertraut darauf, dass gerade Solidarität keine Grenzen kennt, nicht einmal die Grenze des Todes. Dass also die Lebenden für Verstorbene beten und Gutes tun können, dass aber auch jene Glieder der Gemeinschaft, die schon vollendet sind, für die noch Lebenden segensreich eintreten können. Mit diesem Überschreiten der Grenze des Todes hat die katholisch verstandene „Gemeinschaft  der Heiligen“ das wichtigste Missverständnis der Kirche in Frage gestellt. Es ist dies die in der heutigen Zeit fast schon selbstverständlich gewordene Reduktion der Kirche zu einer Moralanstalt. Gerade nach der Beendigung des Lockdown wird die Kirche in der Öffentlichkeit nur noch als ein „moralisch erhobener Zeigefinger“ wahrgenommen. Zwar nicht in Sachen der Sexualmoral, wohl aber in Sachen „richtige Politik“. Diese ist ja nicht unwichtig.

Doch beruht das christliche Miteinander nicht auf dem ethischen Imperativ. Wir, die wir ja noch diesseits der Todesgrenze leben, richten durch unsere Heiligenverehrung unser Begehren nach dem aus, was die Heiligen bereits in vollendeter Form haben. Von der Konsequenz und der Radikalität der Lebensgeschichten der Heiligen fasziniert, muss sich der Christ immer wieder neu die ernüchternde Erkenntnis gefallen lassen, dass Heilige „begnadete Menschen“ waren, dass also Gott in diesen Biographien weniger die menschlichen Verdienste als vielmehr die Wunder seiner eigenen Gnade krönt. Indem wir unseren Blick zum Himmel richten, vergewissern wir uns unserer Hoffnung. Diese macht uns freier im Umgang mit Herausforderungen unseres Alltags. Ich glaube, dass unsere Vorfahren hier durchaus richtig lagen: In Zeiten der Pestepidemie, in denen leibliche Nähe lebensbedrohlich werden konnte, pflegten sie exzessiv den Heiligenkult. Paradoxerweise könnte man sagen: Je virtueller die reale Gemeinschaft werden musste, desto realer wurde die himmlische Gemeinschaft der Heiligen.

Zu Pfingsten zelebrierte ich in der Jesuitenkirche ein „bescheidenes Hochamt“. Per Zufall fand ich heraus, dass das von mir heiß geliebte Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ mehr mit unserer Situation zu tun hat, als man das auf den ersten Blick sagen kann. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Bevölkerung wurde durch Kriegshandlungen und durch die auch nach dem Krieg ausbrechenden Pestepidemien regelrecht dezimiert. Ausgerechnet am Pfingstsonntag 1657 bricht in Braunschweig die Pestepidemie aus, die mehr als fünfeinhalbtausend Opfer fordern wird. In dieser Zeit (1641) dichtete Johann Georg Neumark nach der glücklichen Auflösung einer biographischen Sackgasse den Text, den er ausgerechnet im Jahr der Pestepidemie 1657 vertont. Es lohnt sich, einmal alle Strophen des Liedes (Gotteslob 424) in Ruhe zu meditieren und längere Zeit bei Strophe drei zu verweilen: „Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt.“ Auch ich hielt nun unter den gelockerten Bedingungen ein wenig stille, weil ich dankbar neu erkannte, wie lebensfördernd die kirchliche Gemeinschaft ist. Dazu noch ganz zum Schluss eine „sinnstiftende Geschichte“:

Leicht hat er es sich nicht gemacht, der von der Kirche enttäuschte Zeitgenosse. Er kehrte ihr den Rücken, betete zwar hin und wieder, aber ansonsten? Irgendwann fragte er mehr aus Gewohnheit denn aus einem Frömmigkeitsanfall: „Jesus, Du verstehst mich wohl. Wozu brauche ich noch diese Kirche? Ich kann ohne sie ein Christ sein. Ein gar nicht so schlechter.“ Zu seinem Schock antwortete ihm Jesus, erzählte ihm sogar eine Geschichte: „Ein paar Freunde verbrachten die Nacht in den Bergen. Sammelten genug an Holz und machten Feuer. Sie saßen eng beieinander, der Feuerschein erleuchtete ihre Gesichter. Mit der Zeit wurde einem die Nähe zum Problem. So nahm er ein Scheit und entfernte sich von der Gruppe. Anfangs erfreute er sich am brennenden Holzklotz. Dann wurde das Feuer schwächer, schlussendlich erlosch es. Dem Einsamen setzten Kälte und Dunkelheit zu. So nahm er den nicht abgebrannten Rest, ging zur Gruppe zurück und warf ihn ins Feuer. Sofort fing er an zu brennen. Und erleuchtete sein Gesicht. Er blickte umher und sah um sich lauter erleuchtete Gesichter. Ihr Lächeln und ihre Grimassen, die Verbissenheit und auch Gelassenheit, strahlende Augen und die matten. So wie die seinen halt. Es wurde ihm warm ums Herz. Er war nicht mehr allein.“ Der Kirchenfrustrierte verstand die Botschaft!

Jozef Niewiadomski